Rainer Dahlem

Rainer Dahlem wurde am 18. Dezember 1946 in Oberndorf am Neckar geboren. Er besuchte das Progymnasium in Oberndorf und anschließend das Leibniz-Gymnasium in Rottweil. Nach dem Abitur 1967 studierte er an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg Deutsch und Politik und ab 1970 an der Berufspädagogischen Hochschule Stuttgart. 1972 legte er die zweite Prüfung für das Lehramt an Berufs- und Berufsfachschulen ab, war zunächst Lehrer an der Gewerblichen Schule in Öhringen und ist seit 1975 Lehrer an der Wilhelm-Maybach-Schule Heilbronn. Dahlem ist seit 1969 Mitglied der Gewerkschaft GEW, von 1976 bis 1986 GEW-Kreisvorsitzender in Heilbronn und war seit 1991 bis im April 2008 GEW-Landesvorsitzender.

Seit 2008 unterstützt Rainer Dahlem unsere Veranstaltungen wie die Podiumsdiskussion zu G8 in Freiburg sowie die Kundgebung in Stuttgart im April 2008. Auch bei „Schule träumen im Theater“ im Juni 2009 in Freiburg begleitete er uns mit Rat und Tat.

Rede bei der Kundgebung im April 2008

Ich freue mich, dass heute so viele aus dem ganzen Land nach Stuttgart gekommen sind. Der Grund ist wichtig genug: In Baden-Württemberg rumort es an allen Ecken und Enden – die Unzufriedenheit mit der Bildungspolitik der baden-württembergischen Landesregierung wächst von Tag zu Tag. Die Menschen merken immer mehr, dass unser Schulsystem nicht mehr zukunftsfähig ist und grundlegende Reformen notwendig sind.

Ich will einige Beispiele nennen:
• Die Einführung von G8 war alles andere als überlegt und ausgereift.
• Der Ausbau von Ganztagsschulen ist zwar ein Fortschritt, aber Ganztagsschule ist mehr als morgens Unterricht im 45-Minuten-Takt, anschließend eine warme Suppe und dann ein bisschen Betreuung am Nachmittag mit Jugendbegleitern.
• Nach wie vor beherrschen der 45-Minuten-Takt und enge Fächergrenzen die Arbeit und das Lernen an den Schulen.
• Jeden Tag fallen Tausende von Unterrichtsstunden aus, weil eine ausreichende Krankheitsreserve fehlt und es oft nicht möglich ist, schnell Ersatz zu bekommen.
• Und die Lehrerinnen und Lehrer haben viel zu wenig Zeit und die Klassen sind viel zu groß, um Kinder individuell zu fördern.
• Mittlerweile hat es sich herumgesprochen, dass die frühe Sortierung der Kinder bereits nach der vierten Grundschulklasse auf die verschiedenen Schularten eines der größten Probleme unseres Systems darstellt.

Ich nenne es einen Riesenskandal, dass in keinem vergleichbaren Land der Welt der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Schulerfolg so eng ist wie in Deutschland. Kein Wunder, dass immer mehr Eltern ihre Kinder in Privatschulen schicken, die seit einigen Jahren wie Pilze aus dem Boden schießen.

Der Kultusminister dürfte angesichts dieser Situation eigentlich keine Minute mehr ruhig schlafen können, wenn er zulässt, dass das staatliche Schulsystem von immer mehr Menschen nicht mehr akzeptiert wird, während Privatschulen mit reformpädagogischen Konzepten, aber auch Gesamtschulen verstärkten Zulauf haben.
Am deutlichsten ist diese abnehmende Akzeptanz an der Hauptschule sichtbar. Im Schuljahr 2007/2008 wechselten nur noch 26,5 % der Grundschulkinder auf die Hauptschule; vor 15 Jahren waren es noch 38 und vor 30 Jahren noch über 50 %. Gerne wird in der Öffentlichkeit deshalb von einer Krise der Hauptschule gesprochen. Diese Aussage ist aber falsch. Es handelt sich nicht um eine Krise der Hauptschule, sondern des gegliederten Systems insgesamt, deren Symptome allerdings an der Hauptschule am deutlichsten zu Tage treten.

Ich zitiere in diesem Zusammenhang gerne zwei prominente Zeitgenossen, deren Aussagen eindeutig sind. Prof. Dr. Christian Pfeiffer: Das mehrgliedrige System ist ein Schulsystem von vorgestern und ein Hauptfaktor für Jugendgewalt und Kriminalität.
Prof. Hans Werner Sinn vom Ifo-Institut in München: Das dreigliedrige Schulsystem, mit dem wir weltweit nahezu allein stehen, passt nicht mehr in die heutige Zeit. Es reflektiert die Drei-Klassen-Gesellschaft des 19. Jahrhunderts.
Beide stehen nicht im Verdacht, Agenten der GEW zu sein – ihre Aussagen sind trotzdem richtig.

Deshalb ist es Zeit zum Umdenken:

Wir wollen eine Schule, in die die Kinder gerne gehen und in denen ihre Bedürfnisse stärker berücksichtigt werden. Schule soll und darf Spaß machen und die Frage muss erlaubt sein, warum aus lern- und wissbegierigen Kindern, die sich auf die Schule freuen, im Laufe ihrer Schulzeit gelegentlich angeblich lernunwillige Monster werden.

Wir wollen eine Schule, in der Kinder individuell gefördert und nicht durch Sitzen bleiben und schlechte Noten abgestraft werden.

Wir wollen, dass neue Formen des Lernens in die Schulen Einzug halten und nicht mehr länger das „Lernen im Gleichschritt“ vorherrscht.

Wir wollen eine Schule, in der länger gemeinsam gelernt wird, und Kinder, Lehrerinnen und Lehrer und Eltern nicht bereits Anfang der dritten Klasse unter dem Druck der Auslese stehen.

Wir wollen eine Schule, in der die Rahmenbedingungen so verbessert werden, dass Klassen mit 30 und mehr Kindern endlich der Vergangenheit angehören.

Und schließlich: Wir wollen eine Schule, in der es keine Verlierer gibt, sondern die Stärken der Kinder entwickelt und die Schwächen ausgeglichen werden.

Dazu gehört, dass mehr in Bildung investiert wird. Die Spatzen pfeifen es von den Dächern, dass die Bildungsausgaben der Bundesrepublik Deutschland im OECD-Vergleich deutlich unterhalb des Durchschnitts liegen. Wer heute mehr Geld für Bildung fordert, dem wird gerne entgegen gehalten, dies sei nicht finanzierbar, das Land müsse Schulden abbauen und es sei nicht genug Geld da.

Um eine Schule mit Zukunft zu erreichen, müssen wir die Landesregierung dazu bringen, ihre gebetsmühlenartigen Rechtfertigungen nach dem Motto „Unser Schulsystem ist das beste“ endlich aufzugeben, sich zu bewegen und grundlegende Reformen auf den Weg zu bringen.

Dabei sollte sie mehr auf die hören, die etwas von der Sache verstehen – nämlich die Betroffenen, also Schülerinnen und Schüler, Eltern und Lehrerinnen und Lehrer.

Von einer Schule mit Zukunft wie wir sie uns wünschen sind wir nämlich noch meilenweit entfernt.
Aber sich dafür einzusetzen, lohnt sich allemal. In diesem Sinne wünsche ich der heutigen Aktion viel Erfolg und, wenn es sein muss, einen langen Atem.


 
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