Otto Herz

Otto Herz, geboren 1944 in Weinheim/Bergstraße, studierte Psychologie, Pädagogik, sowie etwas Philosophie und etwas Theologie in Hamburg und Konstanz. In Hamburg wurde er Initiator der Aktion "Student in die Betriebe", war 1967/68 stellvertretender Vorsitzender des verbands deutscher studentenschaften (vds). Er war beteiligt am Aufbau der Laborschule Bielefeld und des Oberstufen-Kollegs, war Bundesvorsitzender der Gemeinnützigen Gesellschaft Gesamtschule (GGG) und im Bundesvorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und engagierte sich für community education: „Im Leben lernen – Im Lernen leben“.  

Lehrtätigkeit an Schulen, Universitäten, Landesinstituten. Mitgründer der Stiftung zur Förderung der CIVIL-COURAGE und vieles andere mehr.

2008 war Otto Herz Schirmherr der ersten zentralen Demonstration und Kundgebung von SCHULE MIT ZUKUNFT in Stuttgart. Er stand 2009 beim Bildungsfestival Rede und Antwort als Interviewgast und wurde von der Mitgliederversammlung im Januar 2010 zum Ehrenmitglied gewählt.

www.otto-herz.de

Rede von Otto Herz am 19.04.2008 auf der Demo von SCHULE MIT ZUKUNFT in Stuttgart

Das ist ein guter Tag für dieses Land, dass ihr Jungen und Mädchen hier seid mit euren Eltern, mit den professionellen Pädagogen und mit all denen, denen die Zukunft dieses Landes wichtig ist. Also weil ihr hier alle gemeinsam seid und weil ich heute Morgen um 5 Uhr in Leipzig aufgebrochen bin, um euch zu unterstützen, deswegen bringe ich ein Leipziger Motto mit zu euch: Wir sind das Volk.
Und wir wollen eine Wende. Wir wollen eine Wende in der Bildungspolitik, denn der Grundfehler unseres Schulsystems lässt sich ziemlich einfach sagen: Wir haben eine falsche Schulkultur in einer falschen Schulstruktur. Und diese beiden Dinge gehören immer zusammen, sie beeinflussen sich. Und traut denen nicht, die sagen, an der Struktur liegt es nicht, man müsse ja nur die Kultur ändern. Wer so redet, redet falsch und Falschreder gehören in keine Regierung.

Es ist ja schon gesagt worden, ich sage es noch einmal kurz in meinen Worten: Die Schulstruktur ist falsch, weil man nicht im Alter von 10 Jahren Kinder und Jugendliche auf ungleichwertige Schulformen verteilen kann, dadurch organisiert man ihre Benachteiligung und die Organisation von Benachteiligung ist eine Verletzung der Menschenrechte und nicht weniger.
Ich bin auch viel im Ausland und wenn ich da gefragt werde, wir hätten so Worte, die heißen „es gibt Hauptschüler oder es gibt Förderschüler oder es gibt Gymnasiasten“, dann schauen mich meine englischen und amerikanischen und französischen und spanischen Freunde immer ganz verwundert an und sagen, was habt ihr für Menschen, die gibt's bei uns gar nicht!

Es gibt keine Hauptschüler, es gibt Menschen, die häufig wider ihren Willen in eine Schulform geschickt werden, und dann machen wir aus der Schulform einen Typus von Mensch. Dies ist prinzipiell menschenverachtend.

Und deswegen heißt das, wofür diese Bewegung steht und wofür diese Bewegung sich noch weiter ausweiten wird: Wir brauchen eine andere Schulkultur in einer anderen Schulstruktur. Und dazu will ich noch ein paar Sätze sagen: In der ganzen Welt mit Ausnahme von Deutschland, einigen Kantonen der Schweiz und in Österreich – und die Österreicher verändern das gegenwärtig auch – in der ganzen Welt gehen alle Kinder bis zum Ende der Sekundarstufe I in eine gemeinsame Schule. Bis 16 Jahre gemeinsam, weil alle Entscheidungen, die früher getroffen werden, die werden nicht von den Kindern getroffen, sondern  von den Eltern aufgrund ihrer sozialen Herkunft, und daran liegt es, dass kein Bildungssystem der Welt  so an die soziale Herkunft gekoppelt ist wie in Deutschland.
Und es ist auch gut, dass wir uns angewöhnen, genau zu sprechen. Es gibt nicht starke Schüler und schwache Schüler. Jeder Mensch hat Stärken und jeder Mensch hat Schwächen. Jeder Mensch ist vorzüglich und jeder Mensch ist behindert. Die wichtigste Aufgabe aber der Schule ist, das Zusammenleben zu lernen, denn alle Erkenntnisse, die wir haben, wenn wir die nicht einbringen in ein verträgliches, in ein vernünftiges, in ein liebenswertes Zusammenleben, dann nutzen alle unsere Kompetenzen ziemlich wenig.

Zusammenleben kann ich aber nur lernen mit denen, mit denen ich zusammen bin. Und deswegen brauchen wir die eine Schule für alle bis zum Ende der Sekundarstufe I, damit  wir das von klein auf lernen, gute Nachbarn füreinander zu sein in der Akzeptanz all unserer Unterschiedlichkeiten, die uns auszeichnen. Es ist doch wunderbar, es gibt 6,5 Milliarden Menschen auf der Erde, und nicht ein einziger Mensch ist gleich dem anderen. Und dann kommen Menschen auf die verrückte Idee, die Summe dieser Menschen in drei Schulformen aufteilen zu wollen.

Und deswegen sind die erfolgreichen Bildungsländer die, die nicht die Kinder einem Lehrplan unterwerfen, sondern die für die einzelnen Kinder individuelle Lernpläne entwickeln, damit die einzelnen sich mit ihrem Lernen realisieren können und nicht Opfer von Lehrplänen werden.

Es geht nicht darum, in der ganzen Pädagogik nicht, Menschen an vorgegebene Systeme anzupassen, sondern es geht darum, dass wir alle in der Gemeinsamkeit von Kindern, Jugendlichen, ihren Eltern, den professionellen Pädagogen und den Vertretern des Gemeinwesens, dass wir solche Systeme entwickeln, in denen alle in optimaler Weise sich realisieren können. Das ist der richtige Weg. Nicht die Unterordnung unter ein System.

Und deswegen sage ich, nachdem ihr jetzt schon so lange ausgeharrt habt, abschließend: Beugt euch nicht! Was den Menschen zum Menschen macht, ist der aufrechte Gang und kein Kriechtum. Kinder sind nicht für Regierungen da, aber wir wollen eine Regierung, die für die Kinder da ist.

Und deswegen schließe ich mit einem Wort des aus meiner Sicht größten Lyrikers deutscher Sprache des 20. Jahrhunderts, mit Bertold Brecht. Der sagte:
Die Schwachen kämpfen nicht. Die Stärkeren kämpfen vielleicht eine Stunde. Die noch stärker sind, kämpfen viele Jahre. Die Stärksten kämpfen ihr Leben lang. Und diese sind unentbehrlich. Ihr seid unentbehrlich. Dies ist der Anfang für eine Wende, denn wir sind das Volk!


 
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