Länger gemeinsam lernen

11.2011 Offene Briefe zur aktuellen Bildungspolitik an                Herrn Ministerpräsident Winfried Kretschmann
Herrn Finanzminister Dr.Nils Schmid

Die Eckpunkte des Bildungsaufbruchs in Baden-Württemberg hat die Ministerin in einem Schreiben an alle Bildungsinteressierten formuliert. Den Wortlaut finden Sie hier.

Aktuell: Pressemitteilung zur Vereinsgründung "Länger gemeinsam lernen Baden-Württemberg e.V." am 21.01.2009 in Ravensburg: Pressemitteilung

Beitrag der Initiative "länger gemeinsam lernen Baden-Württemberg"

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe SympathisantInnen und UnterstützerInnen,
liebe Bildungsinteressierte,

sicher haben Sie über die Medien von dem Offenen Brief erfahren, der im Mai vergangenes Jahres an Herrn Kultusminister Rau und Herrn Ministerpräsident Öttinger geschrieben wurde.

Dieser Brief, der eine Abkehr von unserem weltweit einzigartigen, hierarchisch gegliederten Schulsystem , hin zu einem längeren gemeinsamen Lernen aller Kinder fordert, wurde damals von 100 Schulleitungen aus dem GHS Bereich (von insgesamt 130 GHS Schulleitungen aus dem Kreis Ravensburg und dem Bodenseekreis) unterschrieben und unterstützt. Aus den anfänglichen 4 Initatoren und Verfassern des Briefes ist inzwischen die Initiative "Länger gemeinsam lernen - Baden Württemberg" entstanden.

Die Forderungen der Initiative bzw. des Offenen Briefes unterstützen mittlerweile weitere ca. 400 Schulleitungen, viele wichtige Institutionen und Verbände und mehr als 3500 Privatpersonen.

Auch wenn die Landesregierung mit großer Beharrlichkeit das "erfolgreiche gegliederte Schulsystem" aus dem 19. Jahrhundert lobt, sind dessen Schwächen im internationalen Vergleich nicht zu übersehen. Diese Defizite werden uns in regelmäßigen Abständen von interanationalen Gremien und Bildungsexperten vorgehalten. In einer globalisierten Zeit hätte unser weltweit einzigartiges System schon längst Nachahmer gefunden, wenn es entsprechend erfolgreich wäre. Dem ist aber nicht so. Vielmehr haben sich die letzten Staaten, die in Teilen noch ein gegliedertes System praktizier(t)en, auf den Weg gemacht, die Umwandlung in ein integratives Systen vorzunehmen (Österreich, Liechtenstein, Schweiz).

Dabei muss klargestellt sein, dass eine bloße Strukturänderung nicht die Lösung ist. Aber eine Schulstrukturänderung ist der Türöffner, ist die Voraussetzung für eine nachhaltige Verbesserung der Lern- und Schulkultur.

Dies zeigen die Erfahrungen bei all jenen Saaten, die den Wandel vom gegliederten zum integrativen Schulsystem erfolgreich vollzogen haben.

Wir (wie diese Staaten) sind der festen Überzeugung, dass eine Schule, die alle Kinder gleichermaßen optimal fördert und fordert nicht ohne die von uns geforderte Strukturänderung möglich ist.

Falls Sie diese Ziele unterstützen wollen, können Sie sich in eine Unterstützerliste eintragen. Wir würden uns natürlich freuen, wenn Sie unsere Homepage und die Unterstützerliste in Ihrem Umfeld verbreiten könnten.  Besten Dank!

Mit freundlichen Grüßen

Bernd Dieng                    
"Initiativgruppe länger gemeinsam lernen"
Baden-Württemberg
Anton-Kiene-Weg 2
D-88279 Amtzell
homepage: www.laenger-gemeinsam-lernen-bw.de 
Email: info@laenger-gemeinsam-lernen-bw.de 

 

Bericht einer Mutter, die mit ihren Kindern aus Basel nach Baden-Württemberg umgezogen ist

Ich möchte, einfach als Anregung, meine Erfahrungen, die ich in 7 Schuljahren in Basel mit meinen Kindern machen konnte, weitergeben (alles staatliche Schulen!!!).

In der ganzen Zeit wusste ich, dass meine Kinder in der Schule gut aufgehoben sind und gefördert werden. Und zwar UNABHÄNGIG von der QUALITÄT und Sympathie der einzelnen Lehrer.

Und das geht mir hier komplett anders – obwohl meine Kinder sogar Glück mit ihren Lehrern haben!

Der Bildungsauftrag der Lehrer in der Schweiz lautet: Soziale Kompetenz und Lernen lernen. (Ein Grund, weshalb das Ergebnis der Pisa-Studie in Basel keine besondere Aufregung verursacht hat, obwohl die Schweiz keinesfalls besser als Deutschland dastand!)

Das Schulsystem in Basel besteht aus einer 4-jährigen Grundschule, einer 3-jährigen Orientierungsschule und dann der Aufteilung in Gymnasium sowie in sonstige weiterführende Schulen (d.h. ab der 8.! Klasse).

Der Klassenteiler liegt bei 25. Die Hauptfächer werden darüber hinaus mindestens einmal pro Woche in 2 Gruppen aufgeteilt.

Jede Klasse hat eine Stunde pro Woche zur Verfügung, in der nur soziale oder die Klasse betreffende Fragen besprochen werden können. Sie ist fest im Stundenplan eingeplant.

Noten gibt es erst ab der 8. Klasse. Davor werden Noten durch ein Bewertungssystem ersetzt, das die soziale Kompetenz genauso umfassend wie die fachliche gewichtet.

So ist es möglich, Arbeiten in unterschiedlichen Niveaus zu schreiben (dabei entscheidet das Kind selbst, in welchem Niveau es die Arbeit schreiben will) – und dabei dennoch eine leichtere Arbeit ohne Fehler genauso wie die schwerere "bewertet" wird: Nämlich z.B. mit dem Kommentar: "Du hast sehr sorgfältig und genau gearbeitet. Weiter so!"

Geht es dann an das Zeugnis, wird das mit dem Tutor des Kindes in einem Gespräch von 1-2 Stunden besprochen.

Grundsätzlich werden alle Gespräche der Lehrer mit den Eltern im Beisein der Kinder geführt bzw. es ist sogar so, dass die Gespräche eigentlich vor allem mit den Kindern geführt werden – die Eltern sind nur Beisitzer. Die Gespräche finden –  obwohl immer ehrlich und direkt – auf einer positiven Ebene statt: Es wird erwähnt, wo sich das Kind individuell verbessert hat, in welche Richtung es weiter arbeiten sollte und wo es sich dringend verbessern müsste. Immer auf beiden Ebenen, fachlich und sozial.

Jedes Kind bewertet sich grundsätzlich selber mit genau denselben Kriterien, die auch die Lehrer zur Verfügung haben, schreibt sich also das gleiche Zeugnis.

Mögliche Differenzen zwischen den Zeugnissen werden in dem Gespräch genau besprochen.

Alle Lehrer, die eine Klasse unterrichten, bilden für diese Klasse ein Team und sprechen gemeinsam über die einzelnen Schüler. Bei etwaigen Problemen einzelner Lehrer mit der Klasse kann ein anderer Fachlehrer flankierend für ein paar Stunden in die gemeinsame Klasse kommen. Den Lehrern steht auch Supervision zur Verfügung.

Einmal pro Monat gibt es einen Elternbesuchstag, an dem die Eltern in den Unterricht kommen können. Es ist aber nach Rücksprache mit den Lehrern auch jederzeit sonst möglich, den Unterricht zu besuchen.

Eine Besonderheit war die staatliche Tagesschule (die kenne ich nur aus der Grundschulzeit – es gibt sie so heute nicht mehr).

Das Geniale war, dass die 3 Klassenlehrer nicht nur den Unterricht, sondern auch die Freizeit betreuten.

Die Lehrer kannten ihre Schüler. Soziale Probleme mussten innerhalb der Schule gelöst werden. Und: Unterrichtsstoff konnte umfassend – auch in der Freizeit – bearbeitet werden. Die oben beschriebenen Regeln galten dort natürlich auch.

Das ist die beste Form, die ich mir für eine Tagesschule ausdenken kann.

Ich weiß, dass klingt für deutsche – insbesondere baden-württembergische – Ohren wie blanke Utopie. Aber nur wenige Kilometer von Freiburg entfernt ist das Realität – und das, obwohl man in der Schweiz nur ca. 13% Steuern zahlt.

Hier der Bericht zum Download: Bericht aus Basel


 
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